Eine Kirche, die teilt

Liebe Schwestern, liebe Brüder im Bistum Mainz!

Ihnen allen wünsche ich eine gesegnete Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest. Mögen die kommenden Wochen uns helfen, den Blick für das Wesentliche im Leben und im Glauben zu schärfen.

Diesen Blick für das Wesentliche brauchen wir auch in unserem kirchlichen Alltag. Im Bistum Mainz werden wir in diesen Wochen intensiv einen pastoralen Weg beginnen, der sowohl auf die gesellschaftlichen Bedingungen eingehen muss als auch auf die Frage, was die Menschen heute von der Kirche brauchen. Der Weg, den wir beginnen, steht damit unter einer geistlichen Fragestellung: Wie gelingt es uns, die Botschaft des Evangeliums mit den vielen Menschen ins Gespräch zu bringen, besonders auch mit denen, die nicht zu unseren „Kernkreisen“ gehören? Dafür müssen wir uns selbst vergewissern, welche Motivation uns leitet, heute die Kirche Jesu Christi sein zu wollen und worin heute unser Auftrag besteht. Die sich daraus ergebenden Strukturüberlegungen haben nur dann einen Sinn, wenn sie tatsächlich die Folge einer derartigen geistlichen Orientierung sind. Bereits im vergangenen Jahr habe ich in meinem Fastenhirtenbrief das Teilen nach dem Vorbild unseres Bistumspatrons, des heiligen Martin, als Leitmotiv eingeführt. In den konkreten Ideen für den künftigen pastoralen Weg, die ich im September 2018 der Diözesanversammlung vorstellen konnte, habe ich das Teilen zur Grundlage für die Kirche im Bistum Mainz gemacht.

In der Apostelgeschichte beschreibt der Evangelist Lukas ein Idealbild der ersten Gemeinde in Jerusalem: „Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“ (Apg 2,44-47)

Tatsächlich klingt das sehr ideal, vielleicht unrealistisch. Liest man einige Kapitel weiter, verschweigt uns Lukas auch die Schwierigkeiten nicht. Dennoch lohnt es sich, dass wir uns auch heute an diesem Ideal der Urgemeinde messen. Wir sehen in Jerusalem eine Gemeinde, die das Leben, den Glauben, die Ressourcen und schließlich die Verantwortung teilt. Für unseren künftigen Weg möchte ich diese vier Aspekte des Teilens entfalten.

1. Leben teilen

Ich weiß um die Bedeutung einer kirchlichen Präsenz vor Ort. Die Kirche und die Menschen, die sie prägen, müssen erreichbar sein. Ich teile die Sorge mancher Menschen, dass sich die Kirche aus der Fläche zurückzieht. Es wird auf die Menschen ankommen, die ihren Glauben in den Dörfern und Stadtteilen, in den Gemeinden, Verbänden, in der Caritas, im Ehrenamt und in den vielen kirchlichen Orten leben, dass das Evangelium Hand und Fuß bekommt und erfahrbar bleibt. Die sinkende Zahl der Priester, Diakone und der hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger erinnert uns bei allen Schwierigkeiten daran, dass die Berufung, den Glauben zu leben und zu bezeugen, an alle Getauften ergeht. Als Christinnen und Christen stehen wir als Teil dieser Welt in vielen Bezügen, wir leben Gemeinschaft mit vielen Menschen. Wenn wir hier mit offenen Ohren und einem wachen Verstand diese Beziehungen gestalten, werden wir zu Expertinnen und Experten, die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“, wie es das II. Vatikanische Konzil (Gaudium et Spes 1) formuliert, wahrnehmen. Leben teilen meint, Menschen zu sein, die ihre Beziehungen aus dem Geist des Evangeliums heraus gestalten, in Respekt, Interesse, Wertschätzung und Liebe allen Menschen gegenüber. Die Themen dieser Welt und ihrer Menschen werden so zu Themen in der Kirche. Wenn uns das gelingt, dann beugen wir auch der Gefahr vor, dass wir zu sehr um unsere binnenkirchlichen Themen kreisen, die viele Menschen nicht mehr als relevant erleben, und dass wir eine Sprache sprechen, die formelhaft und nichtssagend wird. Wer Leben teilt, versucht zu verstehen, was für den anderen Menschen wichtig ist. Er wird vorsichtiger im moralischen Urteil über andere, ohne beliebig zu werden. Auch die Kirche wird nur dann in ihren Idealen und ethischen Grundhaltungen ernst genommen, wenn sie zeigt, dass sie die Menschen kennt und nicht nur abstrakte Normen wiederholt. Leben teilen muss in Zukunft bedeuten, dass wir die vielen kirchlichen Angebote, unsere Gemeinden, Schulen, Kindertagesstätten, Verbände, Caritaseinrichtungen, Gemeinden anderer Muttersprache, Klöster und die vielen anderen ins Gespräch bringen. Denn sie alle bringen eigene Erfahrungen und Wahrnehmungen mit, die unverzichtbar sind, um den Menschen gerecht werden zu können. Leben teilen heißt, die Versäulungen und Vereinzelungen kirchlicher Angebote aufzubrechen, um den gemeinsamen Auftrag in der Nachfolge Jesu für die Menschen unserer Zeit besser erkennen zu können. Wie in der Urgemeinde in Jerusalem geht es um eine Kultur der Einmütigkeit, in der sich alle Menschen in der Kirche in ihrer Vielfalt einem gemeinsamen Dienst verpflichtet wissen. Das Beharren auf der eigenen Wahrheit, dem eigenen Nutzen, dem eigenen Interesse allein verhindert die Verkündigung des Evangeliums.

2. Glauben teilen

Die Gemeinde in Jerusalem wäre nicht zu denken ohne das gemeinsame Gebet, den Glauben an den auferstandenen Christus, der im Wort und im Sakrament in der Gemeinde und der Kirche lebt. Dieser Glaube muss uns die wichtigste gemeinsame Basis sein. Hieraus ergeben sich viele bedeutende Themen. Die Frage, wie wir den Glauben weitergeben können, muss eine drängende Frage sein, die vor allen anderen Themen steht. Die Familien sind der erste Ort der Glaubenserfahrung. In unseren Gemeinden erreichen wir in der Erstkommunionvorbereitung, der Firmkatechese, in den Taufgesprächen, in der Trauerbegleitung und der Ehevorbereitung sehr viele Menschen. An manchen Orten hat man auf die sich verändernde Glaubenssituation in unserer Welt reagiert. Ich bin davon überzeugt, dass man heute keine Erstkommunionvorbereitung ohne Elternkatechese machen kann, wenn man auf Nachhaltigkeit hofft. Viele spüren die Unzulänglichkeit etwa der punktuellen Ehevorbereitung und der Trauerbegleitung. Neben den Gemeinden sind unsere Schulen, die Kindertagesstätten und der Religionsunterricht wichtige Felder der Glaubensweitergabe. In der Urgemeinde in Jerusalem gelingt es offenbar, den Glauben gemeinsam so zu leben, zu feiern und nach außen hin zu bezeugen, dass er wirklich ansteckend wird. Sicher gibt es in keinem der genannten Felder einfache Patentlösungen. Mit methodischen Veränderungen allein ist niemandem geholfen. Im letzten wird der Glaube von Menschen weitergegeben, die selbst erfüllt und begeistert sind. Dabei geht es nicht darum, andere nur zu belehren. Selbstverständlich haben wir ein inhaltlich gefülltes Glaubensbekenntnis. Die Aussagen müssen wir aber zunächst für uns selbst mit Leben und geistlicher Erfahrung zu füllen versuchen. Das ist ein lebenslanges Suchen und Gehen. Es ist unser Anliegen, mit anderen Menschen auf Glaubenswege zu gehen, ihre Fragen wahrzunehmen, selbst sprachfähig zu werden „über die Hoffnung, die uns erfüllt“ (vgl. 1 Petr 3,15), die eigenen und fremden Zweifel anzunehmen, und auch von anderen zu lernen. Der frühere Aachener Bischof Klaus Hemmerle hat diese Anliegen so ausgedrückt: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“ Wenn es so viele Wege zu Gott gibt, wie es Menschen gibt, müssen unsere Bemühungen, Formen des Glaubenteilens zu entwickeln, sicher noch kreativer, vielfältiger und mutiger werden. Die Logik, dass dies automatisch von Generation zu Generation geht, ist längst hinfällig. Glauben teilen bedeutet, die Sendung, also die „Mission“ neu schätzen zu lernen, die sich jedoch nur in Begegnung und Beziehung verwirklichen kann. Papst Franziskus fragt immer wieder unsere kirchlichen Angebote an, gerade auch die traditionell scheinbar stabilen Gemeinden, welchen missionarischen Impuls sie aussenden. Auf dem pastoralen Weg dürfen wir gerade dieser Frage nicht ausweichen.

3. Ressourcen teilen

Die wichtigsten Ressourcen unserer Kirche sind die Sakramente, das Wort Gottes, die Glaubensbekenntnisse und –erfahrungen der Tradition sowie die vielen Menschen und ihre Gemeinschaft. Ich wiederhole mich, wenn ich dies an den Anfang dieses Abschnittes stelle, damit diese Grundlage im Folgenden nicht vergessen wird. Alle weiteren Ressourcen wie Geld, Gebäude und Personal dienen der Verwirklichung des kirchlichen Auftrags und den der Kirche anvertrauten Menschen. Deshalb sind die materiellen Güter wichtig. Sie sind Instrumente, aber keinesfalls der Inhalt kirchlicher Anstrengungen. Die Erfahrung zeigt, dass sich in diesen Bereichen am wahrscheinlichsten Konflikte auf dem weiteren pastoralen Weg auftun. Ich bitte alle, nicht zu vergessen, dass die materiellen und personellen Fragen nur dann sinnvoll beantwortet werden, wenn sie aus einer geistlichen Haltung heraus diskutiert werden, gegebenenfalls auch über sie gestritten wird. Zunächst beschreibt die Apostelgeschichte zwar die perfekte Gütergemeinschaft. Jeder bekommt, was er braucht. Das funktioniert deswegen, weil niemand an seinem angestammten Besitz festklammert. Bereits im fünften Kapitel der Apostelgeschichte (5,1-11) wird aber von einem Ehepaar, Hananias und Saphira, berichtet, die ihr Haus verkaufen, dann jedoch heimlich einen Teil des Erlöses für sich behalten. Die Folgen sind furchtbar: Beide fallen, vom Apostel Petrus mit ihrer Schuld konfrontiert, auf der Stelle wie vom Blitz getroffen tot um. Ich möchte diese Geschichte so deuten, dass in der Erfahrung des Evangelisten Lukas Habgier in jeder Form, die Verweigerung des Teilens der Ressourcen, den Tod der Gemeinde bedeuten und das Ende des kirchlichen Auftrags einläuten. So hart sieht es das Neue Testament. Und es wird sicher Gelegenheiten geben, bei denen wir uns an ähnlich deutliche Worte Jesu werden erinnern müssen. Ressourcen teilen wird eine ständige Herausforderung bleiben. Wenn wir aufgerufen werden, Ressourcen zu teilen, beinhaltet das, jede Form der Besitzstandwahrung kritisch zu befragen und bereit zu sein, Gewohnheiten zu verändern.

4. Verantwortung teilen

Verantwortung teilen bedeutet, dass wir neu die Würde der Taufe sehen lernen. In jedem und jeder Getauften lebt Christus in dieser Welt, alle haben teil an seinem priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt. Insofern hat jede und jeder Getaufte das Recht und die Pflicht, Verantwortung für und in der Kirche zu übernehmen – aber in der Nachfolge Jesu als Dienst, nicht als Herrschaft über andere. Das gilt für Kleriker und für jeden anderen gläubigen Menschen in der Kirche. Im Verlauf des pastoralen Weges werden sich gewiss angestammte Berufsbilder bei Pfarrern, Priestern, Diakonen, Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und –referenten verändern. Verantwortung teilen bedeutet, dass sich zunächst unsere hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger auf einen gemeinsamen Weg machen, zu leben, wie man gemeinsam Verantwortung tragen kann in der Kirche für die Verwirklichung des Reiches Gottes. Dabei sind sie mehr als nur Kolleginnen und Kollegen. Sie stehen in der gemeinsamen Sendung Jesu in unterschiedlichen Rollen und Dienstbeschreibungen. Zu den Diensten gehören auch unsere Religionslehrerinnen und Religionslehrer, Erzieherinnen und Erzieher, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas, die Pfarrsekretärinnen und Pfarrsekretäre. Auch die Ordensleute in unserem Bistum bringen ihren unverzichtbaren Dienst ein, sowie viele andere. Ich bin davon überzeugt, dass viel Gutes bewirkt werden kann, wenn sich alle in ihrer Vielfalt in diesem gemeinsamen Dienst verstehen und sich bereichern durch die unterschiedlichen Begabungen und Aufträge. Sicher werden sich auch Formen herausbilden, in denen Leitungsaufgaben nicht nur vom Pfarrer ausgeübt werden. Andere Diözesen machen in diesen Gebieten ihre Erfahrungen. Auch das Miteinander von Haupt- und Ehrenamt wünsche ich mir als ein vielfältiges und wertschätzendes Leben des gemeinsamen Auftrags. Ich weiß, dass viele Ehrenamtliche an Grenzen kommen, deswegen ist es nicht damit getan, nach Formen zu suchen, in denen Ehrenamtliche einfach deckungsgleich in die Leitungsrolle eines Priesters oder eines anderen hineinkommen. Hier ist nicht der Ort für konkrete Ausfaltungen. Ich lade zunächst an dieser Stelle ein, ebenfalls die Grundhaltungen auf ein geistliches Fundament zu stellen. Gelingt es uns, die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit in Einmütigkeit zu leben, weil wir wissen und täglich leben, dass Christus in unserer Mitte ist und wir in seinem Dienst stehen? Verantwortung zu teilen ist ein gutes Mittel gegen jede Form von egozentrischer Machtausübung in der Kirche.

Leben, Glauben, Ressourcen und Verantwortung teilen, so lautet die Einladung für den pastoralen Weg im Bistum Mainz, so lautet die Einladung, dies als persönlichen Impuls in die kommenden Wochen zu nehmen. Ich lade die unterschiedlichen Gruppen und Gemeinden ein, diese Themen für das eigene Leben zu konkretisieren und noch detaillierter zu entfalten.

Für unseren gemeinsamen Weg gebe uns Gott seinen Segen.

Es segne euch alle der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

+Peter Kohlgraf

Bischof von Mainz

Mainz, am 1. Fastensonntag 2019

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